Häfler Boogie-Woogie Paar im Nationalkader

Renate Kaplan und Alexander Frank sind am Ziel. Das Spitzenpaar des Rock’n’Roll Club Friedrichshafen  wurde vor wenigen Tagen von Bundestrainer Michael Gleixner in die Nationalmannschaft Boogie-Woogie berufen. Damit geht ein lang gehegter Traum der beiden in Erfüllung international für Deutschland und natürlich auch indirekt für Friedrichshafen an den Start zu gehen.

Mit ihren konstant ansteigenden Leistungen der letzten Jahre haben sie sich in die deutsche Elite getanzt und werden nun die deutschen Farben bei den Europameisterschaften am 20. Mai 2017 in Moskau vertreten.

Dass die beiden für diese internationale Aufgabe gerüstet sind, bewiesen sie auf den ersten drei Turnieren dieses Jahres. Beim Pink Panther Cup in Landshut wurden sie Dritte, beim Crazy Cup Mitte März ertanzten sie gegen starke internationale Konkurrenz sogar den 2. Platz.  

Der vorläufige nationale Höhepunkt aber war für Renate und Alexander die Landesmeisterschaft Baden-Württemberg am 01. April diesen Jahres. Hier errangen sie, ( dies ist kein Aprilscherz ), zum sechsten Mal souverän den Landesmeistertitel in der Main Class, der höchsten Klasse im Boogie-Woogie.

Die nächsten anstehenden Turniere in diesem Monat sind national die Bayerischen Meisterschaften bei München und international der World Cup in Oslo. Das Turnierpaar des Rock’n’Roll Club Friedrichshafen rechnet sich Chancen auf weitere gute Platzierungen aus.

Fotos: Marvin Kiel

 

Es handelt sich beim Boogie-Woogie um einen Vorläufer des Rock ’n’ Roll. Seinerseits stammt er vom Swing ab, dessen Wurzeln in den Musikkneipen der US-amerikanischen Schwarzen-Ghettos 20er Jahre liegen. 

In einem dieser Etablissements, dem New York Savoy Ballroom im Herzen Harlems, wurde mit dem Swing erstmals ein Paartanz kreiert, der nicht auf vorgeschriebenen Schrittfolgen basierte, sondern allein von der Improvisation der Tänzer und Tänzerinnen lebte. Der Tanz schien geradezu revolutionär: (fast) alles war erlaubt – Hauptsache, die Paare bewegten sich im Takt der Musik. So konnte sich beim Swingtanz die spielerische Bewegungsfantasie der Schwarzen mit typisch weißen Tanzelementen vermischen. 

Nur wenige Zeit später erfuhr der Swing eine Abwandlung - den Lindy Hop. Der Name war gut gewählt, denn genau wie beim Jahrhundertflug des amerikanischen Flugpioniers Charles Lindbergh, flogen beim Lindy Hop die Damen durch die Luft, wurden von ihren Tanzpartnern über den Kopf geworfen und um die Hüften gewickelt. Nicht zuletzt durch die Darstellung der verrückten Tanzfiguren und -szenen in Filmen der Marx Brothers wie „A Day At The Races“ (Ein Tag beim Rennen) oder dem Kultfilm „In der Hölle ist der Teufel los!“ (Hellzapoppin' ) erfuhr der Lindy Hop einen enormen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, der sich bis in die heutige Zeit gehalten hat. Eine weitere – wenn auch nicht ganz so bekannte – Swing-Variation nannte sich Jitterbug. Den Namen soll der schwarze Musiker Cab Calloway erfunden haben. Er verglich die sich nach seiner Musik wild gebärdenden Tanzpaare mit „Zitterkäfern“. 

In Deutschland wurde die Swingmusik erstmals in den 30er Jahren bekannt. Von den Nationalsozialisten war die „exotisch-abartige“ Musik verpönt, für tanzwütige junge Pärchen Mitte der 30er und in den 40er Jahren jedoch willkommene Abwechslung zum gleichmachenden Marschrhythmus. Der Mitte der 90er Jahre produzierte Kinofilm „Swing Kids“ (siehe Swingjugend) zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Machthaber die Verbindung aus Jugendprotest und purem Spaß am Tanzen als undeutsches Element zu unterdrücken versuchten. 

Nach dem Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ schwappte dann die Swingmusik, vorgetragen von riesigen Bigbands, unaufhaltsam über den Atlantik. Und mit der Musik kam ein ganz neuer Tanz – der Boogie-Woogie. 

Diesmal handelte es sich jedoch nicht nur um eine reine Namensänderung des Swingtanzes – die Swingmusik selbst hatte eine Veränderung erfahren. Der gute alte Blues war in Amerika neu überarbeitet worden, mit einer fließenden Pianospielweise, aufgebaut auf der Bassbegleitung der linken Hand. Das spiegelte sich auch im Tanzstil wider: Obwohl der Boogie-Woogie im Prinzip so getanzt wurde wie der Swing, kamen die Paare nicht ins Schaukeln. Dazu war bei der schnellen Musik gar keine Zeit. Rasend schnelle Füße, allein aus der Hüfte getanzt – genau das richtige Mittel, um im zerstörten Deutschland einer aufgestauten Amüsierwut Platz zu schaffen, alles Bedrückende abzustoßen. 

Der Boogie-Rhythmus, viel schneller als zuvor beim Swing, war wie ein Rausch, der oft bis zur körperlichen Erschöpfung ausgelebt, getanzt wurde. 

In den 50er Jahren stellte sich allmählich wieder ein Leben in geordneten Bahnen ein. Doch viele Jugendliche empfanden das Bemühen ihrer Eltern, eine heile Nachkriegswelt aufzubauen, als bieder – ja verabscheuungswürdig. Da war der aus den Vereinigten Staaten kommende Rock ’n’ Roll mit seinen heißen Texten, der fetzig-hämmernden Musik, dem wilden Tanz und dem extravagant-modischen Outfit genau das richtige Mittel, bestehende Konventionen umzustoßen. Man hörte, tanzte und - man lebte Rock ’n’ Roll. 

In unserer heutigen Zeit hat sich der Rock ’n’ Roll zu einem reinen Turnhallen- und Turniersport entwickelt, der nur noch den Namen mit dem einstigen wilden Tanz und dem Flair der 50er Jahre gemein hat. Bei den Turnieren – einer Mischung aus Jazz Dance und Akrobatik – hört man Disco-Musik, die sich für die hüfthohen Fußkicks besonders gut eignet. Nur wenige der im poppigen Aerobic-Outfit gekleideten Paare sind über 30 - ältere könnten bei diesen auf absolute Höchstleistungen ausgerichteten Akrobatiksport kaum mithalten. Doch auch der Boogie-Woogie-Tanz ist moderner geworden. Vor allem in den 70er und 80er Jahren, als sich der Tanz in Berlin einer erneuten Renaissance erfreute, erinnerte sein Grundschritt und der Tanzstil mehr an den Rock ’n’ Roll der 50er Jahre, als an den super-schnellen Boogie der späten 40er. 

Doch diese wilden Jahre sind heute Geschichte. Back to the Roots heißt das Motto. Musikinterpretation, aus der Hüfte getanzt, mit schnellen Füßen – damit hebt sich das Boogie-Tanzpaar von anderen Paaren ab. Seit einigen Jahren fließen immer mehr Swingelemente in den Boogietanz ein – eine Entwicklung, die sich auch am veränderten Musikgeschmack der Tänzerinnen und Tänzer ablesen lässt. Statt nach typischer Piano-Musik tanzt man hier auch schon mal nach „Rock around the Clock“ oder swingigem Bigbandsound. 

Es ist also nicht verwunderlich – um auf die Anfangsbemerkung dieses Textes zurückzukommen –, dass der eine oder andere im Boogie-Woogie den guten alte Rock ’n’ Roll wieder zu erkennen glaubt. Schließlich steht auch beim heutigen Boogie Woogie – neben dem Spaß am Tanzen - die Freude an der Musik der 40er und 50er Jahre im Mittelpunkt. 

(Quelle: Wikipedia)